Drachen, Teufel & Dämonen – Palma im Ausnahmezustand

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Palma de Mallorca

Palma de Mallorca werden die meisten vermutlich nur zur Hauptsaison kennen. Dass die Insel neben Ballermann & Co. noch sehr viel mehr zu bieten hat, konnte man in den zahlreichen Artikeln hier auf GOURMINO EXPRESS schon sehen. Doch was macht man auf Mallorca mitten im Winter? Vor unserem Flug wurden wir öfters gefragt: „Was wollt ihr denn dort machen? Im Januar ist doch nichts los, es ist kalt, verregnet und die Insel ist leer“. In der Tat ist im Januar wenig los: leere Strände und die mittelalterlichen Gassen Palmas wirken verwaist. Man könnte denken, die meisten haben die Stadt verlassen. Doch was uns neben der Idylle abseits des Trubels von Partymeilen und Großstädten hierher gezogen hat, ist ein besonderes Event der Insel: Sant Sebastià, der Ehrentag des Schutzpatrons der Stadt.

 

Denn am 19. Januar, schon am Vorabend zu Sant Sebastià, erwacht die winterlich verschlafene Inselstadt plötzlich zum Leben und verwandelt sich tradiert in ein gigantisches Fest mit traditionellen Tänzen, Trommelgruppen, überall in der Stadt platzierten Konzertbühnen mit Live-Musik und Grillpartys in so gut wie allen Straßen und Seitengassen.

 

Das offizielle Logo für Sant Sebastià 2017.

Foto: palma.cat

 

Knapp 2 Wochen halten die Haupt-Feierlichkeiten an, der Veranstaltungskalender belegt allerdings fast zur Gänze den Januar und lassen einen nicht nur an der schönen Tradition der Insel teilhaben, sondern auch die unglaubliche Lebensfreude der Spanier miterleben. Schon ein paar Tage vorher konnte man die feierliche Atmosphäre in der Luft spüren. Überall in der Stadt hatten die Vorbereitungen auf das große Event begonnen, auf allen großen Plätzen Palmas wie z.B. dem Plaça Mayor, Plaça de Santa Eulàlia oder dem Plaça de la Porta de Santa Catalina wurden Großbühnen aufgestellt. Zu Sant Sebastia wird sogar ein eigener Tag für Fahrradsport veranstaltet (der „Diada ciclista“) und es finden beeindruckende Feuerwerke statt, die bei Dunkelheitseinbruch von der Bucht aus gezündet werden.

 

Die ganze Stadt fiebert auf dieses Event hin – so sieht man schon Tage vorher bei vielen Läden Deko und auch Süsswaren mit Teufeln und anderen traditionellen Motiven zu Sant Sebastià.

 

Zu Sant Sebastià sind vor den Läden meist
kleine Teufelchen als Deko zu sehen.

Sogar Backwaren in Teufel- oder Heiligenform gibt es zu kaufen.

Das Plakat zum „Diada ciclista“.

Fotos: Christian v. Schlieffen

 

Endlich war es soweit: Trotz Nieselregen versammelte sich ab 18 Uhr eine riesige Schar von Menschen zur Haupt-Veranstaltung auf dem Plaça Mayor um einen mit Stahlbarrieren abgetrennten großen Kreis mit einem Scheiterhaufen in der Mitte und warteten gebannt auf den Start des Programms. Der Scheiterhaufen wird zum Abschluss des Programms von der fiktiven Feuerbestie Drac de na Coca entfacht und somit offiziell Sant Sebastià und die Feierlichkeiten eingeläutet. Zur Einstimmung spielte eine Live-Band gekonnt eigene Interpretationen bekannter Hits und die Schule für Musik und Tanz von Palma zeigten eindrucksvoll, was sie gelernt haben und lieferten eine sehr stimmungsvolle Show ab. Kurz vor halb 8 ging dann der erste Teil des Programms los:

 

Mit Dudelsack- und Trommel-Musik begleitet (der Dudelsack ist eine echte malloquinische Tradition, von den Malloquinern „Sa Xeremia“ genannt) traten die „Gegants i Capgrossos“ in die Runde – gigantische über 3-4 Meter hohe, ca. 40 Kilogramm schwere Figuren aus Holz, Aluminium und Pappmaschee – und fingen an zu tanzen.

 

Video: Christian v. Schlieffen

 

Die „Gegants i Capgrossos“, zu deutsch „Riesen und Großköpfe“, sind populäre Figuren der spanischen Volkstradition und haben vielerorts einen festen Platz bei innerstädtischen Festumzügen. Zusammen mit den Giganten betrat auch die spanische Gruppe von Folklore-Tänzern „Al-Riyad“ die Arena und führten nach der kurzen Tanzeinlage der Riesen gekonnt einen alten mallorquinischen Volkstanz mit Kastagnetten um den Scheiterhaufen auf.

 

Spätestens jetzt bekommt man Gänsehaut bei dieser atemberaubenden Stimmung, der fast schon hypnotischen Dudelsack- und Trommelmusik und der großen Leidenschaft, mit der die Darbietungen aufgeführt werden.

 

Video: Christian v. Schlieffen

 

Immer näher rückte der Hauptteil des Programms – die Ankunft von Drac de na Coca. Die Legende des Drachen ist wohl eine der epischsten überhaupt: Ungefähr im Jahr 1776 begann man in Palma zu munkeln, dass im Viertel La Portella nachts ein großer Drache erschienen war. Abends sollen eigenartige und beunruhigende Geräusche gehört worden sein. Später wurde behauptet, dass die Bestie sogar Kinder aufgefressen hätte und darüber hinaus soll der Drache gesichtet worden sein. Eines Nachts hörte aber der edle Ritter Bartomeu Coc ein eigenartiges Geräusch auf der Straße. Durch das schwache Licht der Straßenlaterne konnte er nur erahnen, dass es sich um das gefürchtete Reptil handelte, das bereit war, ihn anzugreifen. Der edle Ritter Coc zog sein Schwert und tötete die Bestie mit einem einzigen Hieb. Der Drache, der das Leben der Nachbarn zur Hölle gemacht hatte, entpuppte sich letztendlich als ein Krokodil, das in den Kloaken Palmas herangewachsen war und von dem man nicht wusste, wie es zur Insel gelangt war. Das Reptil wurde ausgestopft und ist heute noch im Diözesanmuseum ausgestellt.

 

Eine riesige Gruppe von Trommlern, die „Batucada Sarava“, zog nun in den Kreis ein und kündigten mit einer furiosen Performance die Ankunft der Feuerbestie an – es gab kaum noch jemand, der nicht wenigstens mitwippen musste. Die Stimmung war am Kochen!

 

Video: Christian v. Schlieffen

 

Die Hauptfigur des Abends, der Drac de na Coca stammt aus einer der ausführlichsten Legenden der Stadt Palma de Mallorca. Laut dieser Legende lebte der Drache tatsächlich und wanderte in der städtischen Kanalisation umher. Das heutige Kostüm des Drac de na Coca wiegt ca. 50 kg, ist ca. 1,80 m groß und ca. 1,83 m breit. Laut den Erzählungen des Drachenschöpfers, dem bekannten Designer Marià Portas, wurde der Drache aus Glasfaser nachgebaut – dadurch konnte ein Kostüm mit einem relativ leichten Gewicht hergestellt werden. Es verfügt über 7 Feuerspeier, die durch eindrehbare Stäbchen anbringbar sind und hat einen modernen Look. Sowohl die Erschaffung der Bestie, als auch der in Spanien traditionelle „Correfoc“ (Feuerlauf) hat das Ziel, die Gründung von „Teufelsgruppen“ in Palma zu fördern. Der traditionelle „Feuerlauf“, der auch zu Sant Sebastià stattfindet, ist auf Palma die größte Teufelshow der Balearen und ein einzigartiges Schauspiel – doch dazu später mehr!

 

Es folgte das Grand Finale des Programms: Mit einem Feuerspektakel wurde der Scheiterhaufen auf dem Hauptplatz der Stadt von der Feuerbestie in Brand gesetzt – die Party konnte beginnen!

 

Video: Christian v. Schlieffen / Foto: Irina Olepir

 

Mit dem Entzünden des Scheiterhaufens wurden auch die Grills angeworfen. In den meisten Seitenstraßen spielten noch Trommelgruppen – überall war ausgelassene Stimmung, Musik in allen Genres (es ist Tradition, dass nicht überall die gleiche Musik gespielt wird, sondern auf den Plätzen verschiedene Stilrichtungen geboten werden), tanzende Menschen und nach und nach versammelten sich die Feiernden um die Grills, um die geläufigen Asado-Spezialitäten zu grillen: Schweinesteaks, leckere Paprikawurst, Chorizo und die spanische Blutwurst Morcilla. Wir sind an der Ecke der „La Torteleria de Palma“, wo auch ausgiebigst gegrillt wurde, dazu gestoßen und haben mit den Einheimischen gegrillt. Spanien ist an Gastfreundschaft kaum zu überbieten: Obwohl wir kaum ein Wort Spanisch sprachen und bei dem Trubel erst etwas orientierungslos umher liefen, hat man uns dort einfach 2 Teller mit Fleisch und Wurst in die Hand gedrückt und uns eingeladen, mitzufeiern.

 

Auf den Bühnen in der Stadt ging nun auch die Party los und die eingeladenen Musikgruppen haben angefangen zu spielen. Was für eine pompöse Nacht!

 

Auf den Bühnen in der Stadt ging die Post ab.

Die ganze Stadt war in einen Lichteppich gehüllt.

Gemeinsame Grillabende, sogenannte „Torrades“,
werden in Spanien sehr oft zelebriert.

Traditionelle Asdado-Spezialitäten in Spanien: Schweinesteaks,
Paprikawurst, Chorizo und die spanische Blutwurst Morcilla.

Es gab verschiedene „Stationen“, wo man sich die Live-Übertragung
des am Plaça Mayor stattfindenden Programms anschauen konnte.

Gegrillt wurde in so gut wie allen Straßen und Seitengassen

Fast jedes Lokal hatte auch eine Grillstelle vor der Tür.

Fotos: Christian v. Schlieffen / Irina Olepir

 

Leider hat in diesem Jahr das Wetter nicht so mitgespielt – es hat nach diesem wunderschönen Abend leider nur noch geregnet. Nur 2 Tage später hätte eigentlich der „Correfoc“, der Feuerlauf, stattfinden müssen und musste um eine Woche verschoben werden. Feuer und Wasser vertragen sich bekanntlich nicht so gut … Das warten hat sich aber gelohnt! Der „Correfoc“ gehört definitiv zu den eindrucksvollsten Spektakeln, die man auf Mallorca miterleben kann. Wilde Feuerteufel und Dämonen preschen, mittlerweile oft auf Inline-Skates, durch die Straßen und erschrecken die Menschen mit Böllern, Funkenregen und Bengalischen Feuern. Wenn sie der Heilige Johannes oder Antonius dann mit dem Kreuz vertreibt, werden sie besonders wild und wüten immer heftiger. Der Ursprung dieses wahnwitzigen Spektakels reicht sicherlich bis weit vor das Christentum zurück, in die jahrtausendealte Kultur der Mallorquiner als Hirten- und Bauernvolk.

 

Mit ihrem Spaß an Feuer und Funken ist es den Mallorquinern sehr ernst – deshalb gibt es sogar einen sogenannten Verband für Dämonen, Feuerteufel und -bestien.

 

 

Palma de Mallorca mal ganz anders! Das war mit Sicherheit einer unserer aufregendsten Urlaube überhaupt – es war ein Erlebnis! Palma hat uns im Winter sicher nicht zum letzten Mal gesehen …

 

Die Hintergrund-Geschichte zu Sant Sebastià

Am 20. Januar feiert die Stadt Palma offiziell ihr Patronsfest, den Feiertag zu Ehren des Heiligen Sebastià. Der heilige ist der Patron der Stadt, weil er diese gegen die Pest zu schützen wusste – Sant Sebastià war der Schutzherr von Diokletian, der sich zum Christentum bekehrte und deshalb zum Tode verurteilt wurde. So wie es scheint, kamen seine Überreste aber auf dem Seeweg im Jahre 1523 nach Palma zurück. Obwohl sein Namenstag erst am 20. ist, umfasst der Veranstaltungs-Kalender fast den kompletten Monat Januar und überschneidet sich mit dem Fest von Sant Antoni, am 16.01.

 

Sant Sebastià

Palma de Mallorca / Spanien
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